Samstag, 8. Februar 2025

Warum das Warten mich fast umbringt

 "Warten ist eine gute Gelegenheit
Zeit mit sich selbst zu verbringen."


Wann immer ich, wo auch immer, auf irgendwen warten muss, macht es mich wahnsinnig. Nichts ist so schlimm wie sinnlos Zeit verschwenden - haben wir doch so wenig. So dachte ich immer - dachte ich jedenfalls. Ich, als effiziente Macherin, immer mit klarem Ziel vor Augen, da war im Stau stehen schon die Höchststrafe für meine Produktivität. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals entspannt und tatsächlich geduldig auf etwas oder jemanden gewartet habe, Vor allem nicht auf jemanden. Doch, warte! Vor den Trauma hab ich das.

Vor dem Trauma war ich die, die in der Schlange an der Kasse ganz hinten mit zwei Artikeln in der Hand steht und beim Angebot vorzugehen sagt "Nein danke, ich hab Zeit." Heute unvorstellbar. Ich weiß in den Momenten, wenn mein Herzschlag sich im Edeka beschleunigt gar nicht genau warum das passiert. Ich versuche jedes Mal zu analysieren was denn jetzt mein Problem ist. Ich habe keinen Zeitdruck, keine Termine, muss nirgends hin. Ich bin krankgeschrieben. Aber wenn ich in diesem riesigen Laden ohne meine Kopfhörer an der Kasse stehe oder auf dem Weg zur Poststelle, dann sind da all diese Geräusche und Bewegungen, die ich nicht ausblenden kann. Ich sehe die Menschen vor mit, spüre die Personen in meinem Rücken, wie sie sich bewegen und raschen und nervös auf uns ab trampeln, weil von denen eben keiner Zeit hat. Jeder ist irgendwie im Stress oder nicht gut drauf oder gar genervt, weil alles mal wieder viel länger dauert als es uns lieb wäre... und mitten drin stehe ich - sauge alles auf. 

Vor kurzem aber kamen mir ein, zwei Gedanken warum dieses Warten mich so verrückt macht. Warum schlägt mein Herzschneller? Warum schau ich mich ständig um? Warum fang ich an zu schwitzen und warum spüre ich diesen starken Fluchtimpuls?
Ich denke, das macht das Trauma. Durch das Trauma lernt man aushalten, sagen die Therapeuten. Vermutlich kennen alle die Modi "Fight or Flight" zu deutsch Kampf oder Flucht. Die beiden Strategien, die der Mensch  seit Urzeiten, nutzt um sein Überleben zu sichern. Es geschieht unbewusst und irgendwie automatisch. Es gibt aber noch einen dritten Modus: "Freeze". Das Einfrieren oder Erstarren. IM Tierreich würde man jetzt in jeder Doku hören, dass das Opfer sich totstellt um uninteressant für den Beutegreifer zu wirken und sich so selbst zu retten. Bei Menschen ist es tatsächlich ähnlich. Traumatisierte haben gelernt im Freeze auszuharren und auszuhalten, bis die Situation vorbei ist. Sie haben gelernt darauf zu WARTEN, dass es aufhört. Und damit bin ich zu einer Erkenntnis gekommen, die diesen unerträglichen Zustand des Wartens für mich genau so logisch erklärt, wie es irgendeine andere tun würde... denn bisher hatte ich keine dafür. 

Doch jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass mein Gehirn - das mich ja unbedingt vor einem neuen Trauma schützen will - das Warten grundsätzlich mit dem traumatischen Ereignis verbindet und deswegen diesen Stress in mir auslöst. Ich habe zwar keine Flashbacks, weil mein Gehirn Meister der Verdrängung und somit des "Mich Beschützens" ist (danke dafür^^), aber dieses Warten löst etwas in mir aus. Der Fluchtimpuls den ich dann immer habe, ist vielleicht ein Fortschritt, denn abhauen ist schon mal besser als zu dissoziieren und wie angewurzelt (tot gestellt) irgendwie stehen, sitzen, liegen zu bleiben - finde ich. Früher hätte ich mein ich auf jeden Fall als Kämpfer eingeschätzt, nicht als Flüchter oder gar Einfrierer. Aber bis man es erlebt - und oh Gott, ich wünsche das niemandem! - weiß man halt auch nicht wie man reagiert. Der Überlebenswille tritt einfach ein, man denkt nicht darüber nach.

Um auf das Anfangszitat zurück zu kommen..: Ich hatte noch nie ein Problem damit Zeit mit mir allein zu verbringen - Ich brauchte das als HSP schon immer mal wieder - aber ich hab mir diese Zeit seit dem Trauma nicht mehr so oft genommen. Ich war immer beschäftigt um eben NICHT mit mir allein zu sein. Ich hab das nicht bewusst entschieden. Es ist einfach passiert, weil das meine Überlebensstrategie war. Nicht zur Ruhe kommen, um mich nicht mit all den traumatischen Situationen und den dazu gehörigen Gedanken und Gefühlen auseinander setzen zu müssen. Aber nach einem Jahr mit mir selbst, im Krankenstand und ohne andere Verpflichtungen als gesund zu werden, ertappe ich mich immer und immer wieder, wie ich nicht einfach rennend meinen Einkauf erledige und wieder aus dem Edeka flüchte, sondern mich vor dem Gewürzregal stehend frage, warum um Himmels Willen mich das jetzt so stresst. Es macht mich verrückt. Und siehe da, wenn man danach auf eine Freundin wartet, auf die man sich freut, kommen einem Gedanken, die tatsächlich hilfreich sind.


"Warten ist weniger unangenehm, wenn das
auf was wir warten angenehm ist."

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